Lübeck, 20.1.2026 – am Sonntag, den 18.1.2026, haben wir am Gedenkort in der Hafenstraße 52 an den rassistischen Brandanschlag vom 18. Januar 1996 erinnert. Zehn Menschen wurden ermordet, 38 weitere zum Teil schwer verletzt. Viele der Überlebenden müssen bis heute mit den körperlichen, psychischen und sozialen Folgen dieser Tat leben. Anerkennung, Gerechtigkeit und umfassende Aufklärung sind ihnen bis heute verwehrt geblieben.
Das Gedenken war geprägt von Trauer, Wut, Solidarität und gegenseitiger Nähe. Besonders bewegend war, dass sich erstmals seit vielen Jahren – für manche zum ersten Mal seit 1996 – so viele Überlebende und ihre Familien wiedergetroffen haben. Menschen, die über Jahrzehnte voneinander getrennt waren, standen erneut gemeinsam an diesem Ort. Kontakte wurden wieder aufgenommen, Gespräche begannen neu, und es entstand ein spürbarer gemeinsamer Wille, den Kampf um Gerechtigkeit zusammen fortzuführen.
Wir erinnern, weil der Staat versagt hat. Weil die Ermittlungen von Anfang an einseitig und rassistisch geführt wurden. Weil Überlebende und Bewohner*innen kriminalisiert wurden, während rechte Täter unbehelligt blieben. Weil politische Verantwortung bis heute nicht übernommen wurde. Solange dieses Versagen nicht juristisch und parlamentarisch aufgearbeitet ist, solange es keine Konsequenzen gibt, bleibt emotionale Aufarbeitung und Trauerarbeit unmöglich.
Im Zentrum der Veranstaltung stand eine Rede, die diese Realität klar benennt. Sie spricht den Opfern und Überlebenden Würde zu, benennt staatliches Unrecht und formuliert die Forderung nach Aufklärung und Konsequenzen unmissverständlich. Wir dokumentieren diese Rede auf dieser Seite.
Dreißig Jahre nach dem Brandanschlag ist klar: Die Verantwortung endet nicht mit einem Jahrestag. Sie liegt bei Justiz, Politik, Sicherheitsbehörden und Gesellschaft – und sie wurde bis heute nicht eingelöst. Wir werden nicht akzeptieren, dass rassistische Gewalt folgenlos bleibt, dass Ermittlungsfehler und institutioneller Rassismus unbeachtet bleiben und dass die Perspektiven der Betroffenen weiterhin marginalisiert werden. Erinnerung heißt für uns: Druck aufrechterhalten, Aufklärung einfordern und Konsequenzen verlangen.
Hinweisen möchten wir zudem auf das Schauspiel Hafenstraße, das Ende Januar und im Februar vorerst zum letzten Mal aufgeführt wird.
„Die Asche brennt noch auf unserer Brust“ von Karzan Chindari
Es ist mir eine Ehre heute hier sprechen zu dürfen, es ist mir vor allem eine Ehre vor den Hinterbliebenen zu reden und das Gedenken mit meinen Wörtern aufrecht zu erhalten. Ihnen gilt mein größter Respekt! Denn ich weiß, die Asche brennt noch auf ihrer Brust.
Ich danke all den aktiven Menschen, die Jahr für Jahr, sich hier versammeln und an den Brandanschlag erinnern.
Ich danke allen Beteiligten der Initiative Hafenstraße’96, vor allem aber dem Lübecker Flüchtlingsforum.
30 Jahre sind nun vergangen.
Und wie jedes Jahr seit 30 Jahren erinnern wir, gedenken wir an die Opfer und nennen ihre Namen, dass sie nicht in Vergessenheit geraten.
Françoise Makodila Luanda, wäre heute 64 Jahre alt
Christine Makodila Nsimba, wäre heute 48 Jahre alt
Miya Makodila, wäre heute 45 Jahre alt
Christelle Makodila, hätte vor zwei Tagen Geburtstag und wäre heute 38 Jahre alt
Legrand Makodila, wäre heute 36 Jahre alt
Jean-Daniel Makodila, in Lübeck geboren und wäre heute 34 alt
Monica Maiamba Bunga, wäre heute 58 Jahre alt
Nzusana Bunga, wäre heute 38 Jahre alt
Rabia El Omari, wäre heute 48 Jahre alt
Sylvio Amoussou, wäre heute 58 Jahre alt
Sie wären es. Sie sind es nicht. Wir dürfen sie nicht vergessen! Mögen sie alle in Frieden Ruhen.
30 Jahre.
30 Jahre und 10 Tote.
30 Jahre und vier Verdächtige.
30 Jahre und kein Wille zur Gerechtigkeit.
Das Wort Gerechtigkeit beinhaltet ein anderes, wertvolles Wort: RECHT.
Wenn das deutsche Recht auf dem rechten Auge, gegenüber rechter Verbrechen blind ist, dann bleibt das Wort GERECHTIGKEIT für die Hinterbliebenen nur eine Hülse – nur ein leeres Wort.
Wir klagen an! Wir wollen, dass der Fall juristisch wieder aufgearbeitet wird. Dass die Täter bestraft werden!
Denn die Asche brennt noch auf unserer Brust.
Wir werden nicht als Flüchtlinge geboren.
Wir werden zu Flüchtlingen gemacht.
Und einmal die Heimat verlassen, bleiben wir Heimatlose. Vertriebene und Getriebene, auf der Suche nach einer neuen Heimat. Ein Baum braucht Erde, um gedeihen zu können, um Früchte tragen zu können.
In der Fremde sind wir auf Hilfe und Schutz angewiesen. Bitte verstehen sie mich nicht falsch. Ich möchte kein Mitleid erwecken. Ich möchte auch nicht, das wir als Opfer gesehen werden. Es ist unser Schicksal und ohne dieses Schicksal wäre ich heute nicht der, der ich bin.
Es kann jeden Menschen treffen! Überall in der ganzen Welt. Ich möchte die Gelegenheit nutzen, um an zwei Persönlichkeiten aus Lübeck zu erinnern, die Deutschland wegen des NS-Regimes verlassen mussten: Heinrich Mann und Thomas Mann. Um nur zwei zu nennen.
Und gerade heute, mit all den Unruhen und Kriegen in der Welt. Siehe Sudan und Rojava, um wieder nur zwei zu nennen, von etlichen aktuellen Unruhen und Kriegen.
Mitte 2025 waren Weltweit ca. 117 Millionen Menschen auf der Flucht.
Viele Flüchtlinge wollen nach Europa, die meisten nach Deutschland.
Sie erhoffen sich ein ruhiges und sicheres Leben.
Wenn sie an Europa denken, denken sie an Demokratie, Aufklärung und Menschenrechte.
Doch die Menschenrechte gelten nicht für alle Menschen.
An den Außengrenzen Europas sterben tagtäglich Flüchtlinge. Das Meer wird für viele zur Grabstätte. Nicht nur Feuer tötet.
Europa weiß das, Europa sieht das. Europa tut nichts dagegen.
30 Jahre danach und unsere politische und gesellschaftliche Uhr tickt 5 vor 1933.
Eine rechte Partei wird Jahr für Jahr immer stärker. Sie sät Hass. Und wer Hass sät, wird Feuer ernten.
Sie tragen keine Springerstiefel, wie in den 90ern. Sie vergiften die Gesellschaft mit ihrem Hass und ihrer Hetze in den sozialen Medien.
Ich möchte in diesen Zusammenhang Nelson Mandela zitieren:
„Niemand wird mit dem Hass auf andere Menschen wegen ihrer Hautfarbe, ethnischen Herkunft oder Religion geboren. Hass wir gelernt. Und wenn man Hass lernen kann, kann man auch lernen zu lieben. Denn Liebe ist ein viel natürlicheres Empfinden im Herzen eines Menschen als ihr Gegenteil!“
Hass verletzt. Hass tötet, aber Liebe ist stärker. Nur leider zu leise.
Die die Hassen sind nicht viele. Sie sind nur lauter! Die, die hassen sind nicht stärker, im Gegenteil, sie sind feige! Aber sie wiederholen ihren Hass solange, bis auch andere hassen.
Dagegen müssen wir als Zivilgesellschaft, jede*r einzelne von uns, ankämpfen. Die Stimme der Liebe muss lauter werden. Die Stimme der Liebe muss überall hörbar werden, denn jede*r einzelne von uns trägt diese Stimme in sich.
Leider haben wir einen Bundeskanzler, der statt zu versöhnen, nur noch mehr Hass sät.
Als wären die Flüchtlinge für alle Probleme in Deutschland verantwortlich. Aber schon Heinrich Mann erwähnte die deutsche Mentalität in seinem Roman „Der Untertan“: Nach oben buckeln und nach unten treten.
Es ist nicht nur ein deutsches Problem. Es ist ein gesamteuropäisches Problem. Es gibt und gab keine Flüchtlingskrise. Europa hat eine Identitätskrise. Europa hat eine Menschlichkeitskrise.
Auch wir haben Angst! Wird sich die Geschichte wiederholen? Müssen wir uns Gedanken darüber machen, das Land bald zu verlassen? Was passiert, wenn die AfD an die Macht kommt und dieses Land regiert? Ängste, die nicht aus irgendeinem Hirngespinst kommen, sondern der Realität entspringen. Ängste, die entstehen, weil sich Geschichte auch wiederholen kann. Es ist keine hundert Jahre her.
Aber stärker als die Angst, ist der Wille für das zu kämpfen, was diesen Menschen abhanden gekommen ist. Demokratie, Aufklärung und Menschenrechte.
Nun zum Schluss:
Es fiel mir schwer diese Rede zu schreiben. Ich habe die letzten Jahre alles geschrieben, was geschrieben werden musste. Bis vor zwei Tagen habe ich noch an der Rede geschrieben.
Reden alleine reicht irgendwann nicht mehr aus. Gedenken alleine kann die Wunden nicht heilen. Deswegen nochmal: Wir fordern von der Politik, von der Stadt die juristische Aufarbeitung des Brandanschlags.
Wir haben die letzten Jahre geredet. Hier, draußen in der Kälte.
Noch schlimmer aber als die Kälte hier, ist das Schweigen der Gerechtigkeit, denn die Asche brennt noch immer auf unserer Brust.
Und sie wird weiterhin brennen, solange das Schweigen kalt bleibt.









