Wir empfehlen diese Seite aufgrund der Darstellung von Tabellen in der Desktop-Version aufzurufen.

Einleitung

Der „Fall Hafenstraße“ besteht aus dem Brandanschlag selbst und den nachfolgenden Ermittlungen und Prozessen, die damit (bislang…) endeten, dass niemand für das Verbrechen verantwortlich gemacht werden konnte. Waren für zwei Tage zunächst 4 junge Nazis aus Grevesmühlen verdächtig, wollten Polizei und Staatsanwaltschaft in Safwan E, einem der Hausbewohner:innen, den Täter ermittelt haben. Ihm wurde zwei Mal der Prozess gemacht und in beiden Verfahren freigesprochen.

Entgegen der Behauptungen der verantwortlichen Staatsanwälte konnte nicht nur der Verdacht gegen die vier Nazis nicht ausgeräumt werden, sondern dieser Tatverdacht wurde im Laufe der Jahre bis 1998 immer konkreter. Dennoch weigerten sich die Ermittlungsbehörden vehement, diesem Verdacht nachzugehen.

Antifaschistische Initiativen sprachen bereits im Frühjahr 1996 von „in ihrer Einseitigkeit rassistischen Ermittlungen“, bei denen ein Opfer des Anschlages zum Täter konstruiert wurde, während die eigentlich Tatverdächtigen in Schutz genommen wurden. Wir arbeiten an einer umfangreichen Dokumentation des Geschehens, der Ermittlungen, der Prozesse und der Berichterstattung, die an dieser Stelle nach und nach online veröffentlicht wird.

Chronologie der wichtigsten Ereignisse

17.09.1991 6-tägiger rassistischer Pogrom in Hoyerswerda gegen ein Flüchtlingswohnheim und vietnamesische Vetragsarbeiter:innen.
05.04.1992 Bei den Landtagswahlen in Schleswig-Holstein entfällt auf die rechtsextreme DVU 6,3% der Stimmen. In Lübeck beträgt das Ergebnis 9,2%.
22.08.1992 4-tägiger rassistischer Pogrom in Rostock-Lichtenhagen gegen die Zentrale Aufnahmestelle für Asylbewerber:innen und ein angrenzendes Wohnhaus vietnamesischer Vertragsarbeiter:innen. Der spätere Verdächtige von Lübeck, Dirk T. war laut eigener Aussage „mit seiner Gruppe dabei“.
23.11.1992 Brandanschlag von Mölln fordert 3 Tote und 9 Verletzte. Im Jahr 1992 sterben mindestens 28 Menschen durch rechtsextreme Gewalt.
26.05.1993 Sog. Asylkompromiss: Das Grundgesetz wird von CDU, CSU, SPD und FDP geändert, das Asylrecht massiv eingeschränkt.
29.05.1993 Brandanschlag von Solingen, 5 Menschen sterben, 17 werden verletzt.
05.06.1993 Eine Woche nach dem tödlichen Brandanschlag von Solingen wird Feuer im Erdgeschoss des Hauses einer türkisch-stämmigen Familie in Hattingen/ NRW gelegt. Die Ermittlungsbehörden ermitteln gegen die türkisch-stämmige Familie, Frau Ü. wurde angeklagt, aber freigesprochen. Der/ die Täter wurden nie ermittelt.
16.03.1994 Bei einem Brandanschlag in Stuttgart auf das Haus Geißstr. 7, das von Nicht-Deutschen bewohnt wird, sterben 7 Menschen, weitere 16 werden – teils lebensgefährlich – verletzt. Auch hier wird zuerst gegen ehemalige Bewohner des Hauses ermittelt, ein rassistischer Hintergrund ausgeschlossen. Im Juli 1995 wurde im nahen Esslingen ein Brandstifter verhaftet, der zwischen Oktober 1993 und Juni 1995 mehrere Häuser mit nicht-deutschen Bewohner:innen angezündet hatte und sich auch zu der Tat von Stuttgart bekannte. Bei ihm wurden Bekennerschreiben mit Hakenkreuzen gefunden. Dennoch ging später das Gericht von einer psychischen Störung des Täters aus und schloss einen rassistischen/ politischen Hintergrund seiner Taten aus.
25.03.1994 Erster Brandanschlag auf die Lübecker Synagoge.
08.05.1994 Annegret S., V-Frau der Lübecker Kripo, wird zum zweiten Mal durch Drogen- und Menschenhändler vergewaltigt.
07.05.1995 Zweiter Brandanschlag auf die Lübecker Synagoge.
13.06.1995 Ein rechtsextremer Briefbombenanschlag richtet sich gegen den stellvertretenden Bürgermeister Lübecks, Dietrich Szameit, und verletzt den Fraktionsgeschäftsführer Thomas Rother.
05.07.1995 Maik W. schmiert Hakenkreuze auf dem Friedhof in Gülze/ MV.
24.10.1995 Safwan und Mohammed E. stellen am Flüchtlingheim Hafenstraße zwei Personen, die das Auto der Familie E. stehlen wollten. Es handelt sich um André B. und Maik E.
Ende Dezember 1995 Ende Dezember verüben Unbekannte einen Brandanschlag auf Annegret S.
Anfang Januar 1996 Der Grevesmühlener Maik W. erzählt seinem Freund Marcel R. er „wolle demnächst in Lübeck etwas anzünden“ oder er „habe in Lübeck etwas angezündet“.
18.01.1996 Um 3.41 Uhr meldet Francoise Makodila als erste Feuer in der Flüchtlingsunterkunft Hafenstraße. In den folgenden Stunden sterben 10 Menschen, weitere 39 werden zum Teil schwer verletzt. In den Morgenstunden werden Maik W., René B. und Heiko P., drei jugendliche Rechtsextremisten aus Grevesmühlen, festgenommen. Am Abend wird ihr Komplize Dirk T. festgenommen. Am gleichen Abend stellen LKA und Gerichtsmedizin fest, dass bei Maik W., Dirk T. und René B. „frische“ Sengspuren an Kopfhaar bzw. Augenbrauen vorliegen. Davon erfährt die Öffentlichkeit erst Anfang Juli.
19.01.1996 Die 4 Grevesmühlener werden frei gelassen.Rettungssanitäter Jens L. macht am Abend eine Aussage, die den Hausbewohner Safwan E. belastet. Safwan E. wird festgenommen, später wird U-Haft angeordnet. Noch am selben Abend erfolgt die Aussage von Gustave S., die Safwan E. entlastet.
20.01.1996 Annegret S. erkundigt sich bei der Polizei nach ihrem Freund Sylvio Amoussou, der in der Hafenstr. 52 wohnte. Mittags findet eine Demonstration von mehreren tausend Menschen in Lübeck statt, sie fordert u.a. das Bleiberecht für alle Hausbewohner:innen der Hafenstr. 52
23.01.1996 Polizei und Staatsanwaltschaft erlassen eine Nachrichtensperre zum Fall Hafenstraße.
24.01.1996 Die Illustrierte „Stern“ bringt einen reißerischen Artikel, in dem Safwan E. Eifersucht bzw. verschmähte Liebe als Tatmotiv unterstellt wird. Sämtliche Hausbewohner:innen weisen die unbelegten Spekulationen des Artikels scharf zurück.
29.01.1996 Die Leiche von Sylvio Ammoussou wird zur Einäscherung freigegeben, obwohl keine Todesursache festgestellt werden konnte.
01.02.1996 Eine Abhörmaßnahme gegen Safwan E. in der Zelle, in der er Besuch empfängt., beginnt. Sie dauert bis zum 29.2.
03.02.1996 Die Polizei erhält Kenntnis, dass Heiko P. ein Geständnis abgegeben haben soll.
01.03.1996 Brandopfer Victor Atoe wird abgeschoben.
01.03.1996 Die überlebenden Geflüchteten aus der Hafenstr. widersprechen auf einer Pressekonferenz den Thesen der Staatsanwaltschaft, es habe Streit im Haus gegeben, dies sei das Motiv Safwan E.’s für die Brandlegung.
07.03.1996 Auf einem Lübecker Friedhof werden Hakenkreuze geschmiert.
12.03.1996 Der Ermittelnde Staatsanwalt Dr. Michael Böckenhauer erhält die komplette Ermittlungsakte zum Brandanschlag Hafenstraße.
24.03.1996 Bei den Landtagswahlen in Schleswig-Holstein entfällt auf die rechtsextreme Partei DVU landesweit 4,3% der Stimmen. In Lübeck beträgt ihr Ergebnis 6,17%.
25.03.1996 Rechtsanwältin Gabriele Heinecke wird zusätzlich zum bereits beauftragten Anwalt Wolter mit der Vertretung Safwan E.’s betraut.
19.04.1996 TV-Beitrag des WDR-Magazins Monitor, in dem ein Gutachter wesentlichen Thesen der Staatsanwaltschaft zum Brandausbruchsort widerspricht.
22.04.1996 Eine Internationale Untersuchungskommission/ IUK zum Fall Hafenstraße konstituiert sich.
08.05.1996 Die Ermittlungen gegen die 4 Grevesmühlener werden ein erstes Mal eingestellt. Im Juli werden sie erneut befragt, woher ihre Sengspuren stammen.
23.06.1996 Erste Erklärung der IUK
02.07.1996 Nach viereinhalb Monaten kommt Safwan E. aus der U-Haft frei.
02.07.1996 Zweite Erklärung der IUK
11.07.1996 Erst jetzt, durch Recherchen des WDR-Magazins Monitor, erfährt die Öffentlichkeit von den Sengspuren bei 3 der 4 Grevesmühlener.
24.07.1996 Durchsuchungen und Beschlagnahmungen beim Lübecker Bündnis gegen Rassismus. Am gleichen Tag brennt es in einem Lübecker Studentenwohnheim. Ein nicht-deutscher Student stirbt.
01.08.1996 René B. wird zusammengeschlagen. Er hatte vorher belastende Aussagen gegen Dirk T. gemacht.
01.08.1996 Zwischenbericht der IUK
02.08.1996 Versuchter Brandanschlag auf das türkische Restaurant Marmara in Lübeck. Der Täter hinterlässt Hakenkreuz-Sprayereien, flieht aber unter Zurücklassen ungezündeter Brandsätze.
14.08.1996 Die Ermittlungen gegen die 4 Grevesmühlener werden wieder eingestellt.
16.09.1996 Der erste Prozess gegen Safwan E. beginnt. Er dauert bis zum 30.6.1997 und umfasst 59 Prozesstage.
20.12.1996 Maik W. bekennt sich gegenüber einem Ladenbesitzer, den er zuvor bestohlen hatte, zum Brandanschlag in Lübeck.
16.01.1997 Mehrere Hakenkreuzschmierereien in Lübeck, darunter auch an der Kirche, in der ein Gedenkgottesdienst für die Opfer aus der Hafenstraße stattfinden sollte.
23.02.1997 Rechtsterrorist Kay Diesner erschießt in der Nähe von Lübeck einen Polizisten. Zuvor hatte er in Berlin einen Buchhändler angeschossen.
27.02.1997 Hakenkreuze und Brandstiftung am Gartenhaus des Lübecker Bischof Kohlwage.
07.05.1997 Dritte Erklärung der IUK
24.05.1997 Nazis mobilisieren ihre Anhängerschaft gegen Pastor Harig, dessen Lübecker Gemeinde einer algerischen Familie Kirchenasyl gewährt. In den folgenden Wochen und Monaten gibt es eine Vielzahl von Hakenkreuzschmierereien an kirchlichen Einrichtungen und mehrere Brandanschläge. Die Kirche St. Vicelin in Lübeck wird dabei fast völlig zerstört.
30.06.1997 Safwan E. wird vom Lübecker Landgericht freigesprochen
01.12.1997 Die Brandruine wird abgerissen.
Januar 1998 Der „NSU“ taucht in den Untergrund ab.
22.02.1998 Maik W. gesteht erneut den Brandanschlag von Lübeck, diesmal vor einem Mitarbeiter einer JVA.
23.02.1998 Maik W. legt vor StA Dr. Böckenhauer und einem Kriminalbeamten ein Geständnis ab, widerruft es aber wieder im gleichen Gespräch.
14.03.1998 Über 400 Festnahmen von Antifaschist.innen durch die Lübecker Polizei bei Protesten gegen einen Naziaufmarsch in Lübeck. Dutzende Antifaschist:innen werden verletzt.
25.06.1998 Die Neufassung des Asylbewerberleistungsgesetzes wird im Bundestag beschlossen. Es beinhaltet die mögliche vollständige Streichung von Sozialhilfe, die von Asylbewerbern bezogen oder beantragt wurde.
13.07.1998 Gegenüber einem Journalisten des SPIEGEL gesteht Maik W. die Tat erneut.
16.07.1998 Vierte Erklärung der IUK
24.07.1998 Der Bundesgerichtshof in Karlsruhe lässt die Revision des Prozesses gegen Safwan E. zu.
18.01.1999 Den Überlebenden des Brandanschlages wird ein dauerhaftes Bleiberecht zugesichert.
23.06.1999 Der „Nationalsozialistische Untegrund“ (NSU) begeht seinen ersten ermittelten Anschlag, ein Rohrbombenattentat in Nürnberg.
03.09.1999 Der zweite Prozess gegen Safwan E. beginnt vor dem Landgericht Kiel.
02.11.1999 Im 2. Strafprozess gegen Safwan E. erfolgt ein erneuter Freispruch.
03.01.2000 Rechtsanwältin Gabriele Heinecke legt Beschwerde gegen die Einstellung der Ermittlungen gegen die 4 Grevesmühlener ein. Die Generalstaatsanwaltschaft in Schleswig lehnt wenig später die Beschwerde ab.
20.05.2000 Ein dauerhafter Gedenkstein wird am Ort des Brandanschlages errichtet.
09.09.2000 Die sog. Ceska-Mordserie des „NSU“ beginnt mit der Erschießung des Blumenhändlers Enver Şimşek. Bis zum 25. April 2007 ermordet der „NSU“ 9 weitere Menschen und verletzten Dutzende weitere. Die Ermittlungsbehörden vermuteten jahrelang die Täter im Umfeld der Opfer bis ein missglückter Raubüberfall zufällig zu den drei Haupt-Tätern Uwe Bönhard, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe führte. Wie weit das tatsächliche Netzwerk des NSU reichte, wurde bislang nicht abschließend aufgeklärt.
15.05.2002 Rechtsanwältin Gabriele Heinecke reicht ein Klageerzwingungsverfahren gegen die 4 Grevesmühlener ein.
10.06.2002 Das Oberlandesgericht Kiel verwirft den Antrag auf Klageerzwingung.
Ende 2012 Ende 2012 wird bekannt, dass der Besitzer der Shell-Tankstelle, die für das Alibi der 4 Grevesmühlener eine große Rolle spielt, ein gewisser Robert K., selber mindestens familiäre Kontakte in die rechtsextreme Szene hat. Sein Sohn Florian K. bewegt sich im Umfeld der „Freien Nationalisten Lübeck“ und später der „Autonomen Nationalen Sozialisten Stormarn“. Robert K. verkauft in seinen Tankstellen die NPD-Zeitung „Deutsche Stimme“.
18.01.2013 In der Nacht vom 17. auf dem 18. Januar 2013 wird der Gedenkstein bei der ehemaligen Brandruine in der Hafenstraße von Rechten geschändet.
10.11.2018 Der Gedenkstein bei der ehemaligen Brandruine wird u.a. mit SS-Runen geschändet.

Die Brandnacht

0.00 Uhr oder kurz danach Die 4 Grevesmühlener fahren laut eigenen Angaben von Grevesmühlen nach Lübeck.
Kurz nach 0.00 Uhr Annegret S. telefoniert mit Sylvio Amoussou
Ca. 1.45h Ein Zeuge sieht eine Person, deren Beschreibung auf Maik W. passt. Die Person hat ein Beil in der Hand und bewegt sich mit anderen Personenh Richtung Hafenstraße.
ca. 2.00 Uhr Die 4 Grevesmühlener stehlen in der Korvettenstraße/ HL einen VW-Golf GTI, Die Uhrzeit entstammt ihren eigenen Aussagen.
2.00 – 2.30 Uhr Zwei Zeugen beobachten eine Art Wettrennen zwischen einem VW-Golf GTI und einem Wartburg. Beide Fahrzeuge seien diachtauf mit hoher Geschwindigkeit die Untertrave Richtung Hafenstraße gefahren.
Ca. 2.30 -2.40 Uhr Drei Männer werden am Hauptbahnhof gesehen, die Beschreibung passt auf die Grevesmühlener.
2.45 Uhr Feuerwehr-Leute sehen 3 Männer in der Nähe der Wohnung von Annegret S. Die Beschreibung passt auf René B, Heiko P. und Maik W.
3.19 Uhr An der Shell-Tankstelle Paddelügger Weg tanken 3 Männer einen Wartburg auf. Nur eine Personenbeschreibung passt zu den 4 aus GVM.
3.19 Uhr Im Restaurant „Schiffergesellschaft“ (Breite Straße) wird Feueralarm ausgelöst. Es handelt sich um einen Fehlalarm, dessen Ursache nicht zu ermitteln war.
Ca. 3.30 Uhr Die Polizeibeamten B. und N. (Trave 2/12)sehen einen beigefarbenen Wartburg an der Shell-Tankstelle Paddelügger Weg und drei Personen.
3.41 Uhr Francoise Makodila setzt den ersten Notruf aus dem Haus Hafenstr. 52 ab. Sie stirbt oder wird bewusstlos noch während des Anrufes.
Vor 3.42 Uhr Angehörige der Familien B., E, und A. aus dem Brandhaus flüchten auf das Dach.
vor 3.42 Uhr Zwei Zeugen Ronny B. und Mike P., die im nahnen Berufsbildungswerk wohnen, treffen am Brandhaus ein. Sie sehen Ahmet E. Richtung Telefonzelle laufen und den Eingangsvorbau brennen.
3.42 Uhr Der vorher aus dem Haus entkommene Ahmed E. setzt den 2. Notruf aus einer Telefonzelle ab.
Vor 3.45 Uhr Trave 2/12 überholt auf ihrer Fahrt zum Brandort einen beigefarbenen Wartburg mit GVM-Kennzeichen vor der Hubbrücke.
vor 3.46 Uhr Monica Bunga und ihre Tochter versuchen sich aus dem brennenden Haus durch eine Sprung aus dem 3. OG zu retten. Frau Bunga stirbt sofort, ihre 7-jährige Tochter keine 24 Stunden später.
vor 3.46 Uhr Drei Mitarbieter der Firma Brüggen treffen am Haus ein, sehen Monica Bunga und ihre Tochter sowie 3 der vier GVM’ler; zu diesem Zeitpunkt sei keine Polizei/ Rettungskräfte vor Ort gewesen.
3.46 Uhr Eine Streife des Bundesgrenzschutz (Florett 77/92 mit den Beamten B. und S.) melden Verletzte am Haus. Zwei weitere Streifen (Trave 90/51 und Trave 1/11) treffen benfalls am Tatort ein.
3.47 Uhr Das erste Fahrzeug der Feuerwehr trifft ein.
3.47 Uhr Rettungskräfte berichten, dass sich noch Personen im 1. OG aufhalten.
3.51 Uhr Das Sprungkissen wird aufgeblasen.
3.55 Uhr Heiko P., René B. und Maik W. werden am Brandhaus von der Polizei kontrolliert. Maik W. gibt falsche Personalien an.
3.55 Uhr Ca. um diese Zeit wird Assia El O. wird über die Drehleiter aus dem Haus gerettet.
Ca. 4 Uhr Das Zimmer der älteren Kinder Makodila zündet durch.
Ca. 4.30 Uhr Ein Zeuge sagt aus, dass er um diese Uhrzeit Dirk T. in GVM getroffen habe.
Ca. 5 Uhr Die ersten Schwerverletzten werden ins Krankenhaus gebracht
Vor 5.30 Uhr Safwan E. berichtet u.a. dem Kriminalbeamten M, dass sein Vater eine Bombe gehört und danach Feuer am/ im Eingangs-Vorbau des Hauses gesehen habe.
5.30 Uhr Der Bus mit den leichter Verletzten fährt ins Krankenhaus Travemünde/ Priwall.
Nach 7.00 Uhr Heiko P., René B. und Maik W. werden in GVM festgenommen.
Ca. 17 Uhr Dirk T. wird von der Polizei aufgesucht, jedoch vorerst nicht festgenommen.
Ca. 22 Uhr Einem LKA-Beamten fällt während einer Vernehmung auf, dass Maik W. versengte Haare hat.
Ca. 22.20 Uhr Dirk T. wird in GVM festgenommen.
Ca. 0.00 Uhr Die Gerichtsmedizin nimmt von 3 der GVMler Haarproben.

Die Opfer

Todesopfer

Monica Maiamba Bunga

Geboren am 12.11.1968 in Luanda/ Angola.

Starb im Alter von 27 Jahren durch multiple Verletzungen in Folge eines Sprungs aus dem 3. OG des Brandhauses.

Nsuzana Bunga

Geboren am 25.9.1988 in Luanda/ Angola.

Starb im Alter von 7 Jahren durch multiple Verletzungen in Folge eines Sprungs aus dem 3. OG des Brandhauses.

Rabia El Omari

Geboren am 1.12.1978 in Beirut/ Libanon.

Starb im Alter von 17 Jahren durch Rauchgasvergiftung.

Francoise Makodila Landu

Geboren am 28.3.1962 in Kinshasa/ Zaire.

Starb im Alter von 33 Jahren durch Rauchgasvergiftung bzw. direkte Brandeinwirkung.

Christelle Makodila Nsimba

Geboren am 16.1.1988 in Kinshasa/ Zaire.

Starb im Alter von 8 Jahren durch Rauchgasvergiftung.

Legrand Makodila Mbongo

Geboren am 11.8.1990 in Lübeck/ Deutschland.

Starb im Alter von 5 Jahren durch Rauchgasvergiftung.

Christine Makodila

Geboren am 24.9.1978 in Kinshasa/ Zaire.

Starb im Alter von 17 Jahren durch Rauchgasvergiftung.

Miya Makodila

Geboren am 18.5.1981 in Kinshasa/ Zaire.

Starb im Alter von 14 Jahren durch Rauchgasvergiftung.

Jean-Daniel Makodila Nkosi

Geboren am 12.5.1992 in Lübeck/ Deutschland.

Starb im Alter von 3 Jahren durch Rauchgasvergiftung.

Sylvio Bruno Comlan Amoussou

Geboren am 5.11.1968 in Cotonou/Togo.

Starb im Alter von 27 Jahren. Die Todesursache wurde nicht abschließend ermittelt.

Verletzte

38 weitere Personen, die sich während des Brandes im Haus aufgehalten hatten, wurden verletzt. Mindestens 10 der physischen Verletzungen sind als schwer einzustufen: Dabei handelt es sich um z.T. komplizierte Brüche der Gliedmaßen und Verletzungen der Wirbelsäule. Fast alle ehemaligen Bewohner:innen erlitten zudem Rauchgasvergiftungen.

Noch Jahre nach dem Brand klagten Überlebende über psychische Beschwerden.

Der Tatverdacht gegen die vier Grevesmühlener

Überblick

Die „vier Grevesmühlener“ (René B., Heiko P., Maik W. und Dirk T.) wurden am Tag nach der Brandnacht festgenommen, verhört und galten für die Ermittlungsbehörden bis zum 19. Januar als tatverdächtig.

Alle 4 haben sich in der Brandnacht in Lübeck aufgehalten, nach ersten eigenen Angaben jedoch lediglich, um einen PKW zu stehlen (was sie auch taten). Drei von ihnen (René B., Heiko P., Maik W.) wurden ca. 3.55 Uhr in unmittelbarer Nähe zum Brandhaus von der Polizei kontrolliert.

Am 19. Januar wurden sie auf freien Fuß gesetzt, weil sie laut StA über ein Alibi für die Tatzeit verfügten.

Offiziell das erste Mal eingestellt wurden die Ermittlungen gegen die vier am 8. Mai 1996; aufgrund neu auftauchender Indizien gab es zu verschiedenen späteren Zeitpunkten Nachermittlungen.

Bis zum heutigen Tag behaupten die Ermittlungsbehörden, dass die vier die Tat nicht begangen haben könnten weil sie a) zum Zeitpunkt des Brandausbruches sich nicht in Tatortnähe aufgehalten hätten und b) ein Brandanschlag von außen auf das Haus ausgeschlossen sei.

Beide Behauptungen wurden von der Verteidigung Safwan E.‘s, nachforschenden antifaschistischen Gruppen und Journalist:nnen vehement bestritten.

Der Tatverdacht gegen sie gründet auf

  • der Tatsache, dass drei von ihnen frische Sengspuren an Kopfhaar bzw. Augenbrauen aufwiesen
  • ihre eigenen Aussagen auf Täterwissen schließen lassen
  • es eine Zeugenaussage gibt, nach der Maik W. die Tat gegenüber dem Zeugen angekündigt hat
  • Heiko P. einmal und Maik W. mehrmals Geständnisse abgelegt haben
  • ihre widersprüchlichen Aussagen bezüglich ihres Weges durch Lübeck verdächtig sind und sich auch mit der anfänglich versuchten Vertuschung des Autodiebstahls nicht zu erklären sind
  • ihre Erklärung für die Ursache der Sengspuren unglaubwürdig bzw. nachweislich falsch sind
  • Ihr rechtsextremer Hintergrund ein Motiv darstellt

Der persönliche Hintergrund und eine mögliche Motivlage

René B.

Wurde 1969 in Grevesmühlen geboren und lebte dort auch 1996, Sonderschulbildung. Er besaß 1996 einen beigefarbenen Wartburg mit auffälliger weiß-gelber Beschriftung der Heckscheibe („Dr. med. Bummi Bärmeister“).

Sonderschulbildung, arbeitete als Maurergehilfe und Entroster, mehrere Vorstrafen wegen Diebstahlsdelikten und Körperverletzung. Besaß CDs der „Böhsen Onkelz“.

Auf die Frage nach seiner politischen Anschauung, sagt er aus, dass er „weder links noch rechts“ sei, er habe nur ein Mal – noch zu DDR-Zeiten – gewählt und sei „neutral gegenüber Juden, Negern, Ausländern oder auch Wessis“.

1996 Skinhead-ähnliches Äußeres.

Heiko P.

Wurde 1973 in Grevesmühlen geboren und lebte 1996 in Zarnewenz/MV (bei seinen Eltern).

Wohnte 1993 eine Zeitlang in Lübeck.

Arbeitete als Schlosser und Gabelstaplerfahrer.

Wurde wegen gemeinsam mit B. begangener Diebstähle verurteilt.

Brandanschläge auf Asylbewerberheime kritisiert (?) er mit den Worten, dass dadurch „deutsches Gut“ versaut werde.

1996 Skinhead-ähnliches Äußeres.

Dirk T.

Wurde 1973 in Grevesmühlen geboren und wohnte dort auch 1996.

Hauptschulbildung, machte (teilweide abgebrochene) Ausbildungen zum Tischler und Maurer, arbeitet auch als Schlosserhelfer, im Stahlbau und im Garten-/Landschaftsbau.

Zusammen mit Maik W. hat er Laubenaufbrüche und Diebstähle begangen.

Laut eigener Aussage „rechts von der Grenzöffnung bis 1993“ und war mit „seiner Gruppe in Rostock dabei“. Gemeint sind hier die rassistischen Pogrome von Rostock-Lichtenhagen im August 1992.

1996 längere, teilweise zum Zopf gebundene Haare. Kein Erscheinungsbild, das damals als eindeutig und typisch für rechtsextreme Ansichten gilt.

Maik W.

1978 in Güstrow geboren, 1996 zwar in Laage-Kronskamp gemeldet, tatsächlicher Aufenthalt aber in Grevesmühlen, bei Kerstin B., der Freundin von Dirk T.

Spitzname „Klein Adolf“, abgebrochene Maurerlehre.

Diverse Ermittlungsverfahren und Vorstrafen, u.a. wegen Friedhofsschändung (Hakenkreuze und satanische Symbole), Raub, Diebstahl. Diverse Heimaufenthalte.

Bereits 1994 in rechtsextremen Kreisen tätig, damalige Heimbetreuer:innen und -mitwohnende sagen aus, dass W. gut im Knüpfen von Kontakten war.

1995 versuchte er, Mitglied der NPD zu werden. Hielt sich seit dieser Zeit auch mehrmals in Lübeck auf.

1996 besaß er eine Jacke mit der Aufschrift „Deutschland – Sieg Heil“ und in seinem Zimmer hing eine Reichskriegsflagge.

1996 für Rechtsextremisten szene-typische Frisur und Kleidung.

Aufenthalt in Lübeck/ Anwesenheit am Tatort

Dirk T., Heiko P., Maik W. und René B. sagten aus, dass sie zu viert aus Grevesmühlen nach Lübeck (0.00 Uhr oder kurz danach) gefahren sind, gegen 2.00 Uhr in der Korvettenstraße einen VW Golf GTI gestohlen haben und seitdem getrennt unterwegs waren: Dirk T. in dem Golf, die anderen drei weiter im Wartburg.

Mit 100%iger Sicherheit steht nur fest, dass Heiko P., Maik W. und René B. um 3.55 Uhr schräg gegenüber des brennenden Flüchtlingsheimes am/ im beigen Wartburg des René B. waren und von Polizeibeamten kontrolliert worden sind. Maik W. gab bei der Personalienfeststellung einen falschen Nachnamen („Müller“) an.

Alle anderen Angaben zu Aufenthaltsorten und Zeitpunkten sind nicht eindeutig erwiesen, da sie entweder lediglich auf Aussagen der GVMler selber beruhen oder es widersprüchliche Zeug:innenaussagen dazu gibt.

Die uns vorliegenden Aussagen, die sich entweder eindeutig auf die GVMler beziehen oder sich beziehen könnten, sind in folgender Tabelle aufgelistet:

Tabellarische Auflistung der Zeug:innenaussagen nach Uhrzeit

Zeit/Ort Aussagende/r und Aussage
Gegen 0.00 Uhr, Lübeck Maik W.: In Lübeck angekommen, danach wahllos in der Stadt herumgefahren.
Ca. 1.00 Uhr Heiko P.: Im Bogen um die Innenstadt herum nach Buntekuh gefahren. Den Wartburg auf dem Parkplatz EKZ Buntekuh geparkt, dann in der Korvettenstraße Reifen abmontiert und für eine spätere Abholung bereitgestellt. Dann hätten Maik und Dirk in der Karavellenstraße einen Golf geklaut, mit dem Dirk weggefahren sei.
nach 01.10 Uhr kurz vor Ausfahrt Schlutup Zeuge Taxifahrer K.: Wartburg Milchkaffeefarben; auf Rückbank 2 Personen, Person hinter Fahrer sehr groß
ca. 1.45 Uhr, An der Untertrave Zeuge F.: Sieht einen Mann, der ein Beil aufhebt und sich mit einer Gruppe von Leuten Richtung Hafenstraße entfernt. Die Personenbeschreibung passt exakt zu Maik W., ein auffälliger Rucksack wird genannt.
Ca. 2.00 Uhr, ein Parkplatz in HL-Buntekuh Maik W.: Geparkt, Musik gehört, will von zwei Polizisten gesehen worden sein.
2.00 – 2.30 Uhr, An der Untertrave Zeugen V. und M.: Ein Wartburg und ein Golf GTI fahren mit sehr hoher Geschwindigkeit in Richtung Hafenstraße. Im Golf haben 3 Personen gesessen, im Wartburg mehr als 3 Personen. Die Scheiben waren herunter gekurbelt, Getränkedosen seien heraus gehalten worden. Die Personen hätten gejohlt.
Ca. 2.30 Uhr, Hbf Zeuge Taxifahrer N.: Heller, dreckiger Wartburg, Auffälliger Auspuffqualm, GVM-Kennzeichen; 3 Personen: 1) 20-21 Jahre, 175-180 cm, groß, untersetzt, bräunliche, kurze Haare 2) 17-18 Jahre, ca. 170 cm, normal/schlank, gepflegte braune bis dunkelbraune Haare 3) 17-18 Jahre, normale blonde bis dunkelblonde Haare, ca. 170 cm, normal/schlank. Kamen aus „Café Belmondo“, redeten laut und lachten, hielten sich ca. 10 Minuten im Bahnhof auf.
2.45 Uhr, Wesloer- Ecke Mecklenburger Str. Zeuge FW-Wachleiter H.: Heller PKW mit GVM-Kennzeichen; 3 männliche Personen, rauchend.
2.45 – 3.00 Uhr, Shell-Tankstelle Padellügger Weg Heiko P.: Mit René und Maik getankt.
Nach 2.45 – 3.00 Uhr, Hbf. Heiko P.: Mit René und Maik am Bahnhof nach Dirk gesucht. Anschließend zur Hafenstraße gefahren.
3.00 – 3.30 Uhr, Hbf. Zeuge Taxifahrer G.: 3 junge Männer, einer größer und dicker, alle hielten Bierdosen
ca. 3.20 Uhr, Shell-Tankstelle Padellügger Weg Zeuge Tankwart G.: Beiger Wartburg, GVM-Kennzeichen; 3 Personen. 1) Fahrer, 180 cm, kurze Haare mit längeren Haaren im Stirnbereich, dunkle Jacke mit Aufdruck, an einer Hand einen Totenkopfring. 2) Beifahrer: ca. 170 cm, dicker als der Fahrer. 3) Grüne Jacke, helle Haare, der kleinste der Gruppe.
Keine Zeitangabe, Shell-Tankstelle Padellügger Weg Zeuge Zeitungszusteller B.: Beigefarbener Wartburg mit auffälliger gelber Beschriftung auf der Heckscheibe und 3 männliche Personen
ca. 3.30 Uhr, fahrend vom Burgtor durch die Breite Straße, dann Untertrave Richtung Hafenstraße Zeuge Taxifahrer N.: Erneute Sichtung des qualmenden Wartburg.
3.30 Uhr, Shell-Tankstelle Padellügger Weg Zeugen Streife Trave 2/12: Streifenbesatzung sieht drei jüngere, männliche Personen bei beigem PKW Wartburg mit einem größeren, weißen Werbeaufdruck.
Ca. 3.32 Uhr, Shell-Tankstelle Padellügger Weg Maik W.: Getankt und Wischwasser aufgefüllt.
Nach 3.32 Uhr, Hbf. Maik W.: „Einen Kumpel von Heiko gesucht“, parkten „direkt am Taxistand“
3.45 – 4.00 Uhr, Kurve A.d. Untertrave/ Kanalstr. aus Richtung Hafenstr. Zeuge Taxifahrer N.: Erneute Sichtung des zuvor beschriebenen Wartburg
Vor 3.46 Uhr, Nähe Brandhaus Zeugen R. und O. (Mitarbeiter Fa. Brüggen): Beim Herauslaufen aus dem Fabriktor sähen sie einen Wartburg mit GVM-Kennzeichen und 3 junge Männer, „optisch wie Skins“, weiterhin relativ genaue Personenbeschreibung. Zu diesem Zeitpunkt seien keinerlei Rettungskräfte vor Ort gewesen.
vor 3.46 Uhr, Vor der Hubbrücke Richtung Hafenstraße Zeugen Streife Trave 2/12: Überholen einen beigen Wartburg mit GVM-Kennzeichen
3.55 Uhr, in unmittelbarere Nähe des Brandhauses Zeugen Streife Trave 90/51: Kontrolle des Wartburg mit 3 Männern: Maik W., René B. und Heiko P.
Ca. 3.55 Uhr Maik W.: Auf der Rückfahrt nach GVM zum Brandhaus gelangt, dort den Löscharbeiten kurz zugesehen.
Ca. 4.30 Uhr, Grevesmühlen Zeuge Sch.: Der Zeuge trifft auf Dirk T. in Grevesmühlen
Keine Zeitangaben René B.: Nach erfolgtem Diebstahl des Golf in Buntekuh über die A1 Moisling nach Schlutup gefahren, dort Dirk nicht angetroffen, gleiche Strecke zurück. Detaillierte Schilderung des Tankens und des danach stattgefundenen Aufenthalts am Bahnhof, Parken hinter den Taxen. Aufenthalt auf einem Parkplatz in einer Seitenstraße der breiten, beleuchteten Straße, die nach GVM führt, kurz vor einem Kreisverkehr. Dort Verlassen des Fahrzeugs.

Diese Aussage wird von René B. widerrufen (das „habe er erfunden, er kenne sich in Lübeck überhaupt nicht aus“), als ein Polizeibeamter ihn darauf aufmerksam macht, dass er den Parkplatz Jerusalemsberg beschreibt, 600m vom Brandhaus entfernt.

Dirk T.: Heiko und Maik hätten den Golf geknackt, er sei dann mit dem Golf alleine weggefahren. In HL verfahren, am Lindenteller wieder die Orientierung gehabt und über die Umgehungsstraße nach GVM, nicht über Schlutup und die Autobahn.

Ergänzende Informationen zu den Aussagen

Die Ermittlungsbehörden haben zu keinem Zeitpunkt eine Gegenüberstellung der vier Verdächtigen mit den Zeug:innen vorgenommen, auch nicht mit dem Tankwart und der Streifenbesatzung Trave 2/12.

Über das Aussehen der Grevesmühlener ist folgendes bekannt:

René B.: 187cm groß, Gewicht 100 kg, fettleibig, Haare sehr kurz, über der Stirn lang.

Heiko P.: 187 cm groß, Gewicht 115 kg, fettleibig. Kurze, dunkelblonde Haare.

Maik W.: 177 cm groß, Gewicht 65 kg, sehr kurze Haare, auf der Oberseite blond gefärbt.

Dirk T.: 182-185 cm groß, Gewicht ca. 90 kg, lange Haare, zum Pferdeschwanz gebunden.

Auffällig ist:

  • Maik W. und René B. sagen übereinstimmend aus, sie erst an der Tankstelle gewesen, erst dann wären sie zum Bahnhof gefahren und hätten dort hinter den Taxen, direkt am Taxistand geparkt. Die genaueste Aussage eines der Taxifahrer („N.“), der seine Zeitangabe mit dem Warten auf den Nachtzug aus Hamburg verbindet und eine recht genaue Personenbeschreibung abliefert, setzt den Aufenthalt der GVMler auf 2.30h fest, an der Tankstelle Padellügger Weg wurde der Wartburg aber 3.20-3.30h gesichtet. Weitere Taxifahrer wollen die GVMler am Bahnhof gesehen haben, während diese sich an der Tankstelle aufgehalten haben wollen. Weiterhin deuten die Aussagen der Taxifahrer darauf hin, dass der Wartburg wahrscheinlich am Busparkplatz („Beim Retteich“) geparkt hat.
  • Während einigen Zeugen die Beschriftung auf der Heckscheibe des Wartburg auffällt, bemerken andere diese auffällige Beschriftung nicht.
  • Zeug:innen geben unterschiedliche Personenbeschreibungen ab (Tankwart G. gibt Beschreibungen ab, die gut zu René B. und einigermaßen zu Maik W. passen, aber nicht zu Heiko P.). Andere Zeug:innen sehen Wartburg und GTI (2.00h-2.30h auf der Straße An der Untertrave) noch zusammen, als nach Darstellung der GVMler Dirk T. von den drei anderen bereits gesucht wurde. Diese Zeug:innen sehen auch klar mehr als 4 Personen.
  • In ihren Aussagen konzentrieren sich die Grevesmühlener auf die Stationen Tankstelle und Bahnhof, schildern diese besonders detailliert. Dies ist vor dem Hintergrund des späteren Geständnis des Maik W. besonders interessant, führt W. ja dort aus, man habe sich an beiden Orten absichtlich auffällig benommen, um später ein Alibi zu haben.

Ein Kassenbeleg der Shell-Tankstelle Padellügger Weg weist die Uhrzeit 3.19h für den Kauf von 5 Litern Benzingemisch und einer Cola aus. Inwieweit die Kassenuhr die tatsächliche Uhrzeit anzeigte, wurde nie überprüft.

Stellt man den von den Grevesmühlenern selbst behaupteten Fahrtweg einer Route, die sich aus den Zeug:innenbeobachtungen ergibt, gegenüber, sind erhebliche Unterschiede festzustellen.

Die räumliche und zeitliche Abfolge laut den ursprünglich Tatverdächtigen sähe wie folgt aus: Grevesmühlen – Ankunft HL ca. 1.00h – im weiten Bogen um die Innenstadt nach Buntekuh – dort Reifendiebstahl Karavellenstraße und Diebstahl des Golf GTI um ca. 2.00h in der Korvettenstraße – Trennung in Besatzung Wartburg (René B, Heiko P. und Maik W.) und Dirk T., der mit dem Golf sich erst in Lübeck verfährt, dann vom Lindenteller aus direkt nach GVM zurück fährt – der Wartburg fährt die Tankstelle Padellüger Weg an – über die A1 nach Schlutup – zurück über die A1 zum Hauptbahnhof – auf Rückweg nach GVM zur Hafenstraße und dortige Kontrolle durch die Polizei, als das Haus bereits brannte.

Die Zeug:innensichtungen ergeben die Route Buntekuh – Bahnhof (mindestens der Wartburg) um ca. 2.30h oder kurz davor – Untertrave (Golf und Wartburg!) – Schlutup (nur Wartburg, ca. 2.45h) – Tankstelle Padellügger Weg, ca. 3.20h – Breite Str. aus Fahrtrichtung Burgtor/ Hafenstraße, ca. 3.30h – Beckergrube – Untertrave – Hubbrücke, vor 3.46h – Hafenstraße (Kontrolle ca. 3.55h).

Daraus ergeben sich folgende Fragen und Hypothesen:

  • Die Grevesmühlener müssen danach mindestens zwei Mal vor Brandausbruch in direkter Nähe des Tatortes gewesen sein: Das erste Mal um ca. 2.30h (nach Sichtungen Bahnhof und Untertrave und vor der Sichtung Schlutup um ca. 2.45h); dabei müssen sie mindestens zu viert gewesen sein, weil Wartburg und Golf gesichtet wurden, wobei bei der Sichtung Untertrave die Zeug:innen von 3 Personen im Golf und mehr als 3 im Wartburg berichtet. Ein weiteres Mal war mindestens die Wartburg-Besatzung nach Sichtung Tankstelle um ca. 3.30 in der Nähe des Burgfeldes/ Burgtores.
  • Die Aussage des René B., man habe das Auto auf dem Parkplatz Jerusalemsberg verlassen (die er, als ihm die Nähe zum Haus Hafenstraße verdeutlicht wurde, zurückzog) wirft die Frage auf, ob dieser Parkplatz nach der Sichtung Golf und Wartburg an der Untertrave aufgesucht wurde und sich beide Fahrzeugbesatzungen dort vorübergehend trennten.
  • Wenn es keine Trennung zwischen Dirk T. und den anderen drei direkt nach dem Diebstahl des Golf gab, wo hielt sich Dirk T. zwischen ca. 2.30 und 4.30H (als er von einem Zeugen in Grevesmühlen gesehen worden sein soll) auf? Es drängt sich die Möglichkeit auf, dass Dirk T. den späteren Anschlag vorbereitet hat.

Übersichtskarte zum Aufenthalt der Grevesmühlener Nazis in Lübeck

Hochauflösende Karte: 4.000 x 2.544 px – JPG – 4.68 MB

Download

Erklärung zur Karte

Definitive Anwesenheit am Brandhaus

Auch zur Anwesenheit des Wartburgs bzw. der drei Grevesmühlener am Tatort nach Brandausbruch gibt es widersprüchliche Aussagen:

Zwei Mitarbeiter der Firma Brüggen sagten im 1. Prozess übereinstimmend aus, dass sie einen gegenüber ihres Fabriktores parkenden Wartburg und drei junge Männer in direkter Nähe des Brandhauses gesehen haben, bevor Polizei und Feuerwehr eingetroffen waren.

Ein Rangierarbeiter sagte aus, dass er um ca. 3.20h einen dunkel gekleideten, jüngeren, hellhäutigen Fußgänger in der Nähe gesehen habe, der ca. 175 cm groß gewesen sei. Fünf Minuten später habe ein am Hafengelände, in Fahrtrichtung Travemünder Allee geparkter PKW zwei Mal Lichthupensignale gegeben.

Kriminaltechnische Spuren

Die Sengspuren bei Maik W., René B. und Dirk T.

Bereits am späten Abend nach dem Brand – gegen 22 Uhr am 18. Januar – fiel einem LKA-Beamten auf, dass Maik W. Versengungen am vorderen Bereich des Kopfhaares und an den Augenbrauen aufwies.

Gegen Mitternacht wurden alle vier Grevesmühlener gerichtsmedizinisch untersucht. Ähnliche Versengungen wie bei Maik W. wurden auch bei Dirk T. und René B. festgestellt. Nur bei Heiko P. wurden diese Spuren nicht festgestellt. Die Versengungen wurden von der Gerichtsmedizin als „frisch“ bezeichnet. Es seien die typischen Spuren von Brandstiftern.

In einer später erfolgten Ergänzung konkretisierte die Gerichtsmedizin die Bezeichnung „frisch“. Danach seien die Sengspuren maximal 24 Stunden alt gewesen.

Befragt, wie diese Versengungen zustande gekommen seien, wurde anfangs nur Maik W. Der gab an, er habe am 14. Januar zusammen mit Dirk T. einem Hund das Fell versengt. Dazu hätten die beiden den Sprühstrahl einer Haarspray-Dose angezündet und diesen auf den Hund gehalten. Die Flammen seien zurückgeschlagen und dadurch hätte er sich versengt.

Die Öffentlichkeit erfuhr von den Sengspuren erst Anfang Juli.

Bei wesentlich späteren Befragungen gab Dirk T. anfangs an, er wisse nichts darüber, mit Maik W. einen Hund verbrannt zu haben. Stattdessen will er sich beim Anheizen seines Ofens die Versengungen zugezogen haben.

René B. wiederum behauptet, er habe Anfang Januar Benzin aus einem Mofa in einen Kanister umgefüllt. Er habe den Füllstand des Kanisters überprüfen wollen und zu diesem Zweck mit einem Feuerzeug in den Kanister geleuchtet. Das habe zu einer Verpuffung geführt, die zur Versengung geführt haben muss.

Kriminaltechniker überprüfen sowohl die Version mit der Haarspraydose als auch Dirk T.s Ofen und kamen zu dem Schluss, dass in beiden Fällen damit die Versengungen nicht erklärt werden könnten.

Später schloss sich Dirk T. der Version von Maik W. an und wollte nun doch an der Quälerei des Hundes beteiligt sein.

Festzustellen bleibt, dass auch die zeitlichen Angaben keine Erklärung für die Versengungen bieten: Wenn die Spuren in der Nacht vom 18. auf den 19. Januar maximal 24 Stunden alt waren, können sie nicht durch Geschehnisse am 14. Januar (Haarspraydose) bzw. Anfang Januar (Benzin umgefüllt) entstanden sein.

Die Staatsanwaltschaft hat die Erklärungen in ihrer Verfügung zur Einstellung der Ermittlungen gegen Maik W. und die anderen als „plausibel“ und nicht zu widerlegen“ bezeichnet. Gleichzeitig schrieb Dr. Michael Böckenhauer in dieser Verfügung:

„Möglicherweise rühren die Versengungen der 3 Beschuldigten auch daher, dass sie gestohlene Fahrzeuge ansteckten, nachdem diese ausgeschlachtet worden sind.“

Die Grevesmühlener selbst berichteten zu keinem Zeitpunkt von angezündeten Fahrzeugen, es gab auch ansonsten keinen einzigen objektiven Hinweis darauf.

Befunde in den PKWs der Tatverdächtigen

Eine gründliche kriminaltechnische Untersuchung des Wartburg und der anderen Fahrzeuge der vier Grevesmühlener fand nicht statt. Zwar wurde mit einem Photoionisationsdetektor (der Spuren von Brandbeschleuniger feststellt) der Wartburg umrundet, aber das Gerät schlug permanent aus.

Ansonsten wurde der Wagen lediglich in Augenschein genommen.

Sicher ist, dass ein Stadtplan von Lübeck im Wagen gefunden wurde. Diese Karte wurde aber nicht näher untersucht. So wurde es unterlassen, dort Fingerabdrücke zu sichern um a) sie auf eine mögliche Häufung an bestimmten Orten zu prüfen und b) mögliche weitere Insassen des Fahrzeug zu ermitteln.

Unklar ist die Anzahl der im Kofferraum vorhandenen Benzinkanister. René B. selber behauptete, in seinem Wagen hätten sich drei Kanister befunden.