Die Chronologie der wichtigsten Ereignisse dokumentiert zentrale Ereignisse rund um den Brandanschlag in der Lübecker Hafenstraße sowie sein politisches und gesellschaftliches Umfeld. Sie dient als zeitliche Orientierung innerhalb der Dokumentation und verdeutlicht Zusammenhänge zwischen Tat, Ermittlungen, Prozessen und weiterer rechter Gewalt.

17.09.1991

6-tägiger rassistischer Pogrom in Hoyerswerda gegen ein Flüchtlingswohnheim und vietnamesische Vetragsarbeiter*innen.

05.04.1992

Bei den Landtagswahlen in Schleswig-Holstein entfällt auf die rechtsextreme DVU 6,3% der Stimmen. In Lübeck beträgt das Ergebnis 9,2%.

22.08.1992

4-tägiger rassistischer Pogrom in Rostock-Lichtenhagen gegen die Zentrale Aufnahmestelle für Asylbewerber*innen und ein angrenzendes Wohnhaus vietnamesischer Vertragsarbeiter*innen. Der spätere Verdächtige von Lübeck, Dirk T., war laut eigener Aussage „mit seiner Gruppe dabei“.

23.11.1992

Brandanschlag von Mölln fordert 3 Tote und 9 Verletzte. Im Jahr 1992 sterben mindestens 28 Menschen durch rechtsextreme Gewalt.

26.05.1993

Sog. Asylkompromiss: Das Grundgesetz wird von CDU, CSU, SPD und FDP geändert, das Asylrecht massiv eingeschränkt.

29.05.1993

Brandanschlag von Solingen, 5 Menschen sterben, 17 werden verletzt.

05.06.1993

Eine Woche nach dem tödlichen Brandanschlag von Solingen wird Feuer im Erdgeschoss des Hauses einer türkisch-stämmigen Familie in Hattingen/NRW gelegt. Die Ermittlungsbehörden ermitteln gegen die türkisch-stämmige Familie, Frau Ü. wurde angeklagt, aber freigesprochen. Der/die Täter wurden nie ermittelt.

16.03.1994

Bei einem Brandanschlag in Stuttgart auf das Haus Geißstr. 7, das von Nicht-Deutschen bewohnt wird, sterben 7 Menschen, weitere 16 werden – teils lebensgefährlich – verletzt. Auch hier wird zuerst gegen ehemalige Bewohner des Hauses ermittelt, ein rassistischer Hintergrund ausgeschlossen. Im Juli 1995 wurde im nahen Esslingen ein Brandstifter verhaftet, der zwischen Oktober 1993 und Juni 1995 mehrere Häuser mit nicht-deutschen Bewohner*innen angezündet hatte und sich auch zu der Tat von Stuttgart bekannte. Bei ihm wurden Bekennerschreiben mit Hakenkreuzen gefunden. Dennoch ging später das Gericht von einer psychischen Störung des Täters aus und schloss einen rassistischen/politischen Hintergrund seiner Taten aus.

25.03.1994

Erster Brandanschlag auf die Lübecker Synagoge.

08.05.1994

Annegret S., V-Frau der Lübecker Kripo und Freundin von Sylvio Amoussou, einem der Opfer des Brandanschlags, wird zum zweiten Mal durch Drogen- und Menschenhändler vergewaltigt.

07.05.1995

Zweiter Brandanschlag auf die Lübecker Synagoge.

13.06.1995

Ein rechtsextremer Briefbombenanschlag richtet sich gegen den stellvertretenden Bürgermeister Lübecks, Dietrich Szameit, und verletzt den Fraktionsgeschäftsführer Thomas Rother.

05.07.1995

Maik W., einer der vier Tatverdächtigen aus Grevesmühlen, schmiert Hakenkreuze auf dem Friedhof in Gülze/MV.

24.10.1995

Safwan und Mohammed E. stellen am Flüchtlingsheim Hafenstraße 52 zwei Personen, die das Auto der Familie E. stehlen wollten. Es handelt sich um André B. und Maik E.

Ende Dezember 1995

Ende Dezember verüben Unbekannte einen Brandanschlag auf Annegret S.

Anfang Januar 1996

Der Grevesmühlener Maik W. erzählt seinem Freund Marcel R. er „wolle demnächst in Lübeck etwas anzünden“ oder er „habe in Lübeck etwas angezündet“.

18.01.1996

Um 3.41 Uhr meldet Françoise Makodila als erste Feuer in der Flüchtlingsunterkunft Hafenstraße 52. In den folgenden Stunden sterben 10 Menschen, weitere 38 werden zum Teil schwer verletzt. In den Morgenstunden werden Maik W., René B. und Heiko P., drei jugendliche Rechtsextremisten aus Grevesmühlen, festgenommen. Am Abend wird ihr Komplize Dirk T. festgenommen. Am gleichen Abend stellen LKA und Gerichtsmedizin fest, dass bei Maik W., Dirk T. und René B. „frische“ Sengspuren an Kopfhaar bzw. Augenbrauen vorliegen. Davon erfährt die Öffentlichkeit erst Anfang Juli.

19.01.1996

Die 4 Grevesmühlener werden frei gelassen. Rettungssanitäter Jens L. macht am Abend eine Aussage, die den Hausbewohner Safwan E. belastet. Safwan E. wird festgenommen, später wird U-Haft angeordnet. Noch am selben Abend erfolgt die Aussage von Gustave S., die Safwan E. entlastet.

20.01.1996

Annegret S. erkundigt sich bei der Polizei nach ihrem Freund Sylvio Amoussou, der in der Hafenstraße 52 wohnte. Mittags findet eine Demonstration von mehreren tausend Menschen in Lübeck statt. Sie fordern u.a. das Bleiberecht für alle Hausbewohner*innen der Hafenstraße 52.

23.01.1996

Polizei und Staatsanwaltschaft erlassen eine Nachrichtensperre zum Fall Hafenstraße.

24.01.1996

Die Illustrierte „Stern“ bringt einen reißerischen Artikel, in dem Safwan E. Eifersucht bzw. verschmähte Liebe als Tatmotiv unterstellt wird. Sämtliche Hausbewohner*innen weisen die unbelegten Spekulationen des Artikels scharf zurück.

29.01.1996

Die Leiche von Sylvio Ammoussou wird zur Einäscherung freigegeben, obwohl keine Todesursache festgestellt werden konnte.

01.02.1996

Eine Abhörmaßnahme gegen Safwan E. in der Zelle, in der er Besuch empfängt, beginnt. Sie dauert bis zum 29.2.

03.02.1996

Die Polizei erhält Kenntnis, dass Heiko P. ein Geständnis abgegeben haben soll.

01.03.1996

Brandopfer Victor Atoe wird abgeschoben.

01.03.1996

Die überlebenden Geflüchteten aus der Hafenstraße widersprechen auf einer Pressekonferenz den Thesen der Staatsanwaltschaft, es habe Streit im Haus gegeben, dies sei das Motiv Safwan E.s für die Brandlegung.

07.03.1996

Auf einem Lübecker Friedhof werden Hakenkreuze geschmiert.

12.03.1996

Der ermittelnde Staatsanwalt Dr. Michael Böckenhauer erhält die komplette Ermittlungsakte zum Brandanschlag Hafenstraße.

24.03.1996

Bei den Landtagswahlen in Schleswig-Holstein entfällt auf die rechtsextreme Partei DVU landesweit 4,3% der Stimmen. In Lübeck beträgt ihr Ergebnis 6,17%.

25.03.1996

Rechtsanwältin Gabriele Heinecke wird zusätzlich zum bereits beauftragten Anwalt Wolter mit der Vertretung Safwan E.s betraut.

19.04.1996

TV-Beitrag des WDR-Magazins Monitor, in dem ein Gutachter wesentlichen Thesen der Staatsanwaltschaft zum Brandausbruchsort widerspricht.

22.04.1996

Eine Internationale Untersuchungskommission (IUK) zum Fall Hafenstraße konstituiert sich.

08.05.1996

Die Ermittlungen gegen die 4 Grevesmühlener werden ein erstes Mal eingestellt. Im Juli werden sie erneut befragt, woher ihre Sengspuren stammen.

23.06.1996

Erste Erklärung der IUK.

02.07.1996

Nach viereinhalb Monaten kommt Safwan E. aus der U-Haft frei.

02.07.1996

Zweite Erklärung der IUK.

11.07.1996

Erst jetzt, durch Recherchen des WDR-Magazins Monitor, erfährt die Öffentlichkeit von den Sengspuren bei 3 der 4 Grevesmühlener.

24.07.1996

Durchsuchungen und Beschlagnahmungen beim Lübecker Bündnis gegen Rassismus. Am gleichen Tag brennt es in einem Lübecker Studentenwohnheim. Ein nicht-deutscher Student stirbt.

01.08.1996

René B. wird zusammengeschlagen. Er hatte vorher belastende Aussagen gegen Dirk T. gemacht.

01.08.1996

Zwischenbericht der IUK.

02.08.1996

Versuchter Brandanschlag auf das türkische Restaurant „Marmara“ in Lübeck. Der Täter hinterlässt Hakenkreuz-Sprühereien, flieht aber unter Zurücklassen ungezündeter Brandsätze.

14.08.1996

Die Ermittlungen gegen die 4 Grevesmühlener werden wieder eingestellt.

16.09.1996

Der erste Prozess gegen Safwan E. beginnt. Er dauert bis zum 30.6.1997 und umfasst 59 Prozesstage.

20.12.1996

Maik W. bekennt sich gegenüber einem Ladenbesitzer, den er zuvor bestohlen hatte, zum Brandanschlag in Lübeck.

16.01.1997

Mehrere Hakenkreuzschmierereien in Lübeck, darunter auch an der Kirche, in der ein Gedenkgottesdienst für die Opfer aus der Hafenstraße stattfinden sollte.

23.02.1997

Rechtsterrorist Kay Diesner erschießt in der Nähe von Lübeck einen Polizisten. Zuvor hatte er in Berlin einen Buchhändler angeschossen.

27.02.1997

Hakenkreuze und Brandstiftung am Gartenhaus des Lübecker Bischof Kohlwage.

07.05.1997

Dritte Erklärung der IUK.

24.05.1997

Nazis mobilisieren ihre Anhängerschaft gegen Pastor Harig, dessen Lübecker Gemeinde einer algerischen Familie Kirchenasyl gewährt. In den folgenden Wochen und Monaten gibt es eine Vielzahl von Hakenkreuzschmierereien an kirchlichen Einrichtungen und mehrere Brandanschläge. Die Kirche St. Vicelin in Lübeck wird dabei fast völlig zerstört.

30.06.1997

Safwan E. wird vom Lübecker Landgericht freigesprochen.

01.12.1997

Die Brandruine wird abgerissen.

Januar 1998

Der „Nationalsozialistische Untegrund“ (NSU) taucht unter.

22.02.1998

Maik W. gesteht erneut den Brandanschlag von Lübeck, diesmal vor einem Mitarbeiter einer JVA.

23.02.1998

Maik W. legt vor Staatsanwalt Dr. Böckenhauer und einem Kriminalbeamten ein Geständnis ab, widerruft es aber wieder im gleichen Gespräch.

14.03.1998

Über 400 Festnahmen von Antifaschist*innen durch die Lübecker Polizei bei Protesten gegen einen Naziaufmarsch in Lübeck. Dutzende Antifaschist*innen werden verletzt.

25.06.1998

Die Neufassung des Asylbewerberleistungsgesetzes wird im Bundestag beschlossen. Es beinhaltet die mögliche vollständige Streichung von Sozialhilfe, die von Asylbewerber*innen bezogen oder beantragt wurde.

13.07.1998

Gegenüber einem Journalisten des SPIEGEL gesteht Maik W. die Tat erneut.

16.07.1998

Vierte Erklärung der IUK.

24.07.1998

Der Bundesgerichtshof in Karlsruhe lässt die Revision des Prozesses gegen Safwan E. zu.

18.01.1999

Den Überlebenden des Brandanschlags wird ein dauerhaftes Bleiberecht zugesichert.

23.06.1999

Der NSU begeht seinen ersten ermittelten Anschlag, ein Rohrbombenattentat in Nürnberg.

03.09.1999

Der zweite Prozess gegen Safwan E. beginnt vor dem Landgericht Kiel.

02.11.1999

Im zweiten Strafprozess gegen Safwan E. erfolgt ein erneuter Freispruch.

03.01.2000

Rechtsanwältin Gabriele Heinecke legt Beschwerde gegen die Einstellung der Ermittlungen gegen die 4 Grevesmühlener ein. Die Generalstaatsanwaltschaft in Schleswig lehnt wenig später die Beschwerde ab.

20.05.2000

Ein dauerhafter Gedenkstein wird am Ort des Brandanschlags errichtet.

09.09.2000

Die sog. Ceska-Mordserie des NSU beginnt mit der Erschießung des Blumenhändlers Enver Şimşek. Bis zum 25. April 2007 ermordet der NSU 9 weitere Menschen und verletzten Dutzende weitere. Die Ermittlungsbehörden vermuteten jahrelang die Täter im Umfeld der Opfer bis ein missglückter Raubüberfall zufällig zu den drei Haupttätern Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe führte. Wie weit das tatsächliche Netzwerk des NSU reichte, wurde bislang nicht abschließend aufgeklärt.

15.05.2002

Rechtsanwältin Gabriele Heinecke reicht ein Klageerzwingungsverfahren gegen die 4 Grevesmühlener ein.

10.06.2002

Das Oberlandesgericht Kiel verwirft den Antrag auf Klageerzwingung.

Ende 2012

Ende 2012 wird bekannt, dass der Besitzer der Shell-Tankstelle, die für das Alibi der 4 Grevesmühlener eine große Rolle spielt, ein gewisser Robert K., selbst mindestens familiäre Kontakte in die rechtsextreme Szene hat. Sein Sohn Florian K. bewegt sich im Umfeld der „Freien Nationalisten Lübeck“ und später der „Autonomen Nationalen Sozialisten Stormarn“. Robert K. verkauft in seinen Tankstellen die NPD-Zeitung „Deutsche Stimme“.

18.01.2013

In der Nacht vom 17. auf dem 18. Januar 2013 wird der Gedenkstein bei der ehemaligen Brandruine in der Hafenstraße von Rechten geschändet.

10.11.2018

Der Gedenkstein bei der ehemaligen Brandruine wird u.a. mit SS-Runen geschändet.